Aleksander Gabryś in a corridor setting with a ladder during the portrait process for the Jahresbericht der Abteilung Kultur Basel-Stadt 2019.
Corridor photograph from the portrait process for the Jahresbericht der Abteilung Kultur Basel-Stadt 2019.

文本

Portrait for the Basel-Stadt Cultural Report (2019)

Archival documentation of the portrait of Aleksander Gabryś prepared for the Jahresbericht der Abteilung Kultur Basel-Stadt 2019.

Jahresbericht der Abteilung Kultur Basel-Stadt 2019

In 2020 Aleksander Gabryś was invited by Abteilung Kultur Basel-Stadt to take part in the official Jahresbericht der Abteilung Kultur Basel-Stadt 2019.

The publication presented selected artists supported by Kanton Basel-Stadt.

The portrait concerned his compositional and multimedia activity and the project Die Beelzebub-Sonate.

Published portrait

The published portrait appeared in the Jahresbericht der Abteilung Kultur Basel-Stadt 2019.

Published spread with the portrait of Aleksander Gabryś in the Jahresbericht der Abteilung Kultur Basel-Stadt 2019.
Jahresbericht der Abteilung Kultur Basel-Stadt 2019.

来源档案

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Ihr Schaffen

Was kennzeichnet Ihre tägliche Arbeit?

Sensibles Horchen, sensitives Schauen, Lauschen und Verstehen. Seit 1996 wende ich bei meinem Instrumentalspiel und auch für mein Komponieren die Entdeckungen von Carl Gustav Jung an. Die Grundfunktionen des Menschen: Denken, Fühlen, Empfinden und Intuieren sind für mich die Hauptreferenzpunkte in der Suche und Arbeit. Ich versuche immer strenger und klarer die verbundene Wirkung aller Elemente der Psyche in meinen künstlerischen Arbeiten auf verschiedene Weisen zu implementieren.

Meine tägliche Arbeit als Komponist und Interpret ist im Wesentlichen geprägt von vier Dingen: Neues lernen, komponieren, reisen und spielen. Gerne projiziere und konstruiere ich neue Kostüme und Spielzeug-Instrumente, die wir später bei verschiedenen Projekten verwenden. Diese Leidenschaften begleiten mich seit meiner Kindheit, es sind konstante Lebensprojekte, von denen jedes nächste Stück ein "Check-point" ist: ein Aufprall meiner dauernden Ideen mit immer neuen Mitteln und wechselnden Umgebungen bringt oft eine Chance auf ein immer breiteres Übertragungsspektrum, z.B. auf neue Medien. Aus diesen Konfrontationen und Konjunktionen entstehen im besten Fall frische Gedanken bei unserem Publikum.

Ich beschäftige mich neben der Komposition mit technischen Erweiterungen für Musikinstrumente im Zusammenhang mit elektronischen Erfindungen und selbst programmierter Software. Da bin ich stets auf der Suche nach neuen Wegen und Sinn-Zusammenhängen. Astrophysik, Psychologie, Literatur von Vladimir Nabokov, Hacking und Neu-Kontextualisierung von veralteter Elektronik definieren mein tägliches Brot der Inspirationen und Anregungen. Meine Tätigkeit als Interpret und Solist verlangt von mir, dass ich viel reise und unterwegs bin und natürlich Proben und Konzerte spiele. Die wiederholte künstlerische Arbeit an vielen verschiedenen Orten auf der Welt hält meinen Kopf wach und rege für Einfälle, Ideen und Pläne.

Mit Blick auf Ihre Arbeit, die Tätigkeit Ihrer Institution, Ihr Projekt, Ihr Schaffen: Welches sind die Ziele, was ist Ihr persönliches Anliegen?

Das Ziel für mich ist immer ein komplett synästhetisches Gesamtwerk zu erleben und zu kreieren, das eine Erweiterung der Grundfunktionen von allen interagierenden Menschen darstellen sollte.

Im Jahr 2019 habe ich in Basel drei verschiedene kompositorische Projekte realisiert: BASSBOXTRING, BASILESIA und das aktuelle Werk eines neuen Typs unter dem Titel «Die Beelzebub-Sonate» oder «∞♭». Bei jeder dieser Produktionen veränderten sich allerdings die technischen Ausdrucksmittel sowie die Besetzung der Aufführung. Doch die Art der Medienverschmelzung, die Vermischung von Semantik und Artikulation, also von den "emotionalen Durchbrüchen" (als ein Bündel musikalischer Information unter einer Zeit-Lupe) sind die Hauptträger der philosophischen Botschaft in allen diesen Kompositionen – optionalen, poly-versionalen, polymorphischen, poly-meta-para-theatralischen Formen; all diese Merkmale, die Verwinkelungen und Geheimnisse der «conditia humana» locken und interessieren mich immer und jederzeit in meinen Arbeiten.

Freude und Herausforderung, bleibende Erinnerung

Was hat Ihnen 2019 an Ihrer Arbeit, Ihrem Projekt, bei Ihrem Schaffen am meisten Freude bereitet?

Im Januar 2019 konnte ich dank der Unterstützung des Fachausschusses Musik BS/BL die Performance «BASSBOXTRING» im Boxclub Basel auf dem Kasernenareal realisieren. Das war für mich eine grosse Freude, da dieses Projekt bereits seit 2015 in der Entwicklung war (es gab eine Aufführung in Salzburg im Rahmen einer Kunstausstellung) und nun endlich in dem Rahmen durchgeführt werden konnte, für den es angelegt war. Die Unterstützung der Boxerinnen und Boxer war fantastisch! Hinzu kam, dass zufälligerweise am Tag der Aufführung am 12. Januar auch der Kleinbasler Bärentag stattfand und der Bär sogar im Boxclub Station machte. Somit hatten wir eine zusätzliche Kinderaufführung, denn wir spielten spontan mit den den Bären begleitenden Musiker*innen zusammen für den Bären zum Tanz auf. Es entstand eine mitreissende Stimmung, geprägt von der spontanen Kommunikation durch Musik und der überschwänglichen Begeisterung von etwa 50 Kindern. Ein ganz freudiges Erlebnis!

Was war herausfordernd und vielleicht auch neu?

Eine Herausforderung ist das grossangelegte Projekt «Beelzebub Sonate», da ich hier erstmals mit einer Gruppe PerformerInnen an einem abendfüllenden Musiktheater arbeite. Dabei sind der aus Filmen von Peter Greenaway sowie zahlreichen Marthaler-Theaterstücken bekannte Schauspieler Graham Valentine sowie eine Gruppe junger Schweizer Interpreten. Ich vertone ein Theaterstück von Witkacy, einem der wichtigsten polnischen Künstler aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Das Stück ist eine Adaption des Faust-Mythos und steckt voller Anspielungen auf die damalige Zeit. Der kritische Blick auf die Entwicklungen der Gesellschaft und Kunst in den 20-er Jahren des letzten Jahrhunderts, gilt es nun – 100 Jahre später – auf die heutige Zeit zu übertragen. Intrige, Verrat, Metaphysik, Mord und sogar Auferstehung werden in akustischer Form dargestellt, so dass der Übergang von der Semantik zum "Klangsinn" hier die Hauptaufgabe und Herausforderung darstellt.

Gibt es ein Erlebnis im Jahr 2019, das Ihnen in Bezug auf Ihre Arbeit, Ihr Projekt, Ihr Schaffen unvergessen bleibt?

«Con-Clavi», die Uraufführung des Konzerts für Cembalo, Kontrabass und 10 Instrumente von Ryszard Gabryś, meinem Vater, mit dem Ensemble Phoenix Basel am 2. und 3. November 2019 im Gare du Nord Basel, an dessen Entstehung und Durchführung ich massgeblich beteiligt war.

«Basilesia», das Stück, dem ich den ganzen August 2019 gewidmet habe, ist auf der CD des Chores Camerata Silesia veröffentlicht. Technisch gesehen war es eine grosse Herausforderung, da während der gleichzeitigen Studio-Audioaufnahme jedes einzelnen Solisten eine grosse Anzahl von Kameras eingesetzt wurde, wobei das gleichzeitige künstlerische Risiko aus den bahnbrechenden Realisierungslösungen resultierte, die darin bestanden, die (Audio- und Video-) Texturen dieser Komposition aus einzelnen "Bausteinen" von Soloaufnahmen aufzubauen. Die zufriedenstellende Aufnahme des endgültigen Effekts durch den Chor und die Kritiker gibt mir die Hoffnung, bis zum Ende eine Videoversion zu entwickeln und einen "Audio-VideoSynthesizer" zu produzieren, der immer wieder neue Live-Kreationen ermöglicht.

Weitere dauerhafte Erfahrungen waren mein Besuch als Tutor an der Stanford University in Kalifornien, der de facto erst im Januar 2020 stattgefunden, dessen intensive Vorbereitung mich aber während des gesamten Vorjahres begleitete. Ich durfte Workshops für Komponisten leiten und ein Rezital mit den gemeinsam entstandenen Kompositionen geben. Die in dem Center for Computer Research in Music and Acoustics entstandene Kompositionen haben wir in einem 56.8 Surround-Lautsprechersystem präsentiert, was auch für den auf dem Konzert anwesenden John Chowning, den Erfinder der FM Synthese (die technische Voraussetzung für den Bau von Synthesizern wurde von Chowning 1967 entdeckt), berührend war. Die standing ovations am Schluss des Konzerts bleiben fest in meinem Herz.

Die überragenden Aufführungen meiner Komposition «Da ich ein Knabe war» (nach einem Gedicht von F. Hölderlin) präsentiert in vielen Städten der Schweiz von der Sopranistin Lisa Tatin bzw. Lena Kiepenheuer, dem Ensemble Le Donne Ideali und Anmari Mëtsa Yabi Wili als Dirigentin werden auch langlebig in meiner Erinnerung bleiben.

Auch die einstündige Performance, die wir zusammen mit der superkreativen Irinel Anghel und ihrer Assistenten in Bukarest kreiert und aufgeführt haben (Studioul de Operă și Multimedia al Universității Naționale de Muzică București), ist ein neuer, experimenteller und bedeutender Meilenstein im vergangenen Jahr.

Zu den Höhepunkten meiner Konzert-Saison im Jahr 2019 zählen zudem: Solokonzerte in Wien (wo ich auch mein elektroakustisches Stück «Eco-Ethno-Mountain-Sphäroid» und den ein Jahrzehnt später dazu entstandenen Film «Nowa Chowańszczyzna» präsentierte), in Basel während dem Festival «CULTURESCAPES – POLEN», im Dom in Frankfurt am Main, in Novi Sad (Serbien) sowie die Uraufführung des «Gabrys-Concerto» von E.S.Kaleli gemeinsam mit dem Ensemble Phoenix Basel in Gare du Nord.

Ideen und Realisation

Wie entstehen die Ideen bei Ihrem Schaffen? Wo, bei welchen Gelegenheiten?

Viele Inspirationen kommen direkt aus Träumen, aber auch aus Mediationsanalysen. Ich beschäftige mich täglich mit philosophischen, psychologischen und metaphysischen Fragen des menschlichen Seins. Die Frage, wie unser Gehirn überhaupt funktioniert, wie soziale Interaktionen entstehen, welchen Einfluss Technologie dabei auf das menschliche Leben hat, wie Impulse und Signale von einem Medium zum anderen anisotrop übertragen werden, fasziniert mich ausserordentlich. Ich singe und improvisiere gern mit Synthesizern und verschiedenen Instrumenten. Aus diesen Aufnahmen entwickele ich meine Stücke, in dem ich sie in die notierten Klänge mit verschiedenen Programmen wie zum Beispiel Melodyne übersetze. Andere Programme ermöglichen die spektrale und harmonische Analyse in Echt-Zeit, was zur Modulation der wechselnden Modelle einlädt. Programmierungsumgebungen wie Processing oder Audulus ermöglichen mir Einfluss auf die Basisformen der Verwandlungen zu haben.

Gespräche mit Menschen, experimentelle Filme machen, live Steuerung von Video, Programmieren und die Algorithmen während der Ausführung ändern und anpassen, die elektronische Erkennung von Formen und Farben modulieren, dazu unsere physikalischen Bewegungen für synästhetische Übertragungen nutzen – Bewegung als Schaffensmittel, sensorgesteuerte Systeme wie kreatives Dirigieren mit Mimik, Übersetzung von Handgesten in Klänge mit Sensor-Handschuhen, uvm.

Was braucht es zur Realisierung von Ideen in Ihrer Institution, bei Ihrem Projekt, bei Ihrem Schaffen;

Ich wirke auf mehreren Feldern: in meiner freien Zeit gestalte ich gerne Assemblagen. Nötig für meine Arbeiten – Botschaften an die Welt – sind überzeugende Medien, starke Musikinstrumente, Filmprojektions- und Produktions-Orte, programmierbare Elektronik, kaputte Geräte aus der Vergangenheit zum Wiederbeleben, die man neu anordnen darf und damit Up-Cycling durchführen kann, um der Welt einen neuen Sinn zu bringen.

Durch die Kombination dieser Medien, die die für ein Medium charakteristischen Polaritäten zu anderen durchdringen, entstehen endlose Optionen, die über die Standardsemantik hinausgehen.

Sprache beeinflusst die menschliche Wahrnehmung entscheidend und somit sind durch die unterschiedlichen Sprachen auf der Welt, auch die Wahrnehmungssysteme der Menschen unterschiedlich strukturiert. Ausgehend von dieser Faszination erscheint mir die Entdeckung transnationaler, zeitloser und übergrosser, vielleicht universaler Phänomene von Kultur und Natur als Hauptaufgabe für den Künstler unserer Zeit.

Wer ist beteiligt?

Ich bewege mich in sehr vielen unterschiedlichen Kreisen, von Komponisten bis Architekten, von Literaten bis Wissenschaftler, von Filmemachern bis Programmisten, von Performern bis Konstrukteure. Ich spiele sehr viele Werke von anderen Autoren und diene oft als eine Brücke zwischen verschiedenen Bereichen der Kunst. Neben meinen «One-Man-Shows» bin ich bei vielen Zusammenarbeiten beteiligt: in der ersten Reihe spiele ich seit zwei Dekaden mit dem Ensemble Phoenix Basel, mit dem ich eine absolut frische, bedeutungsvolle Reihe von neusten Musikwerken uraufgeführt habe, die insbesondere auch für meine kompositorische Arbeit enorm bereichernd waren. Seit 15 Jahren spiele ich zudem regelmässig als Gast bei dem weltweit renommierten Ensemble Klangforum Wien. Bei dieser Gelegenheit hat meine langjährige Freundschaft mit einem Wiener Philharmoniker zu einer Reihe von gemeinsamen experimentellen Filmprojekten geführt, wofür wir vor kurzem bei einem Kurzfilmwettbewerb in Los Angeles ausgezeichnet wurden. Seit vielen Jahren spiele ich auch mit verschiedenen Ensembles aus Zürich, i.e. Collegium Novum, pre-art soloists, Ensembe Tzara, öx&öl, mit denen wir von moderner Klassik bis zu wilden Experimenten die Möglichkeiten der Neuen Kunst in Verbindung mit dem Sozialleben explorieren.

Für die Realisierung meiner Werke lade ich oft neue speziell passende Mitarbeiter ein; gerne schreibe ich die Texte, Lieder und Musik für konkrete Leute und Persönlichkeiten, die mich inspirieren und die ich mir am besten als Vermittler meiner artistischen Nachrichten vorstellen kann.

Wie gestalten Sie die Zusammenarbeit?

Ich stehe in einem intensiven, kreativen Austausch mit zwei Kollegen mit denen wir schon seit Jahren alle zugänglichen Wege der Verbindung durch elektronische Medien nutzen. So sind wir in der Lage – durch online Streaming – viele Details zu verarbeiten, zu besprechen und zu üben, wie auch manchmal, in Rückkopplung, grosse Dateien wie z.B. 3D-Mapping unserer Filme für VJ-ing - erfolgreich «hin und her» im Team zu entwickeln. Alle paar Monate vor einer neuen Uraufführung führen wir ein Zyklus von Proben durch, um allen Spielern ihre Aufgaben und Verbindungen in ihren Rollen klar zu machen. In der Endphase von jeder Produktion planen wir auch entsprechend viele Proben, so dass die Gruppe auch für unerwartete Extra-Szenarios vorbereitet ist: anders gesagt wir üben mindestens so weit, dass wir in unsere Rollen ausreichend hineingehen können – und dass das, was wir spielen – wir selber sind.

Trotz des konstanten Arbeitsmusters, bleibt dieser Prozess immer ausgezeichnet spannend – dank der Unterschiedlichkeit der Besetzungen und wechselnden Zeit-Geister. Als witzige Metapher von unseren internationalen Verbindungen in Ensembles (manchmal kommt jede Spieler*in aus einem anderen Land) entwickeln wir einen Unendlichen Übersetzer – das Konstrukt möchten ich z.B. in der «Beelzebub Sonate» zu verwenden, mit Modulen für alle eingespielten Sprachen-Databasen, die können sich gegenseitig zuhören und übersetzen in einer «unendlichen Schleife».

Und schlussendlich die Vermittlung Ihres Projektes?

In der geistlich, philosophisch und artistisch so offenen, inter- und multi-kulturellen Stadt Basel, auf der Grenze von Staaten mit einem Überfluss an Ideen und Weltspitze-Persönlichkeiten und auch einer speziellen Art Toleranz ist es einerseits leicht, Verständnis zu finden, anderseits stellt die Aufgabe zu überraschen immer eine neue Herausforderung vor.

Im Fall der „Beelzebub Sonate“ möchte ich durch die Aktualisierung des Textes und die Bezugnahme auf aktuelle politische und gesellschaftliche Probleme und Debatten erreichen, dass möglichst viele potentielle Besucher*Innen in eine Resonanz mit der Arbeit treten können. Die emotionale Kraft, die wir anstreben, ebenso wie die überzeugenden, performativen Möglichkeiten des weltweit bekannten Schauspielers Graham Valentine werden dazu beitragen, dass das Stück in jeder Hinsicht bemerkenswert wird. Dass sich der Kern des Stoffs auf den Faust-Mythos bezieht, gibt in der Kommunikations- und Vermittlungsarbeit einen guten Anknüpfungspunkt. Wir möchten besonders auch Schulklassen zu den Aufführungen einladen, die sich gerade mit dem Faust-Mythos im Deutsch-Unterricht beschäftigen.