Aleksander Gabryś

Werk

Avanti, Amico! — für Klarinette, Fassung I

Avanti, Amico! [Fassung I] für Klarinette

Verwandte Medien

Aleksander Gabryś — Avanti, Amico! [wersja I]

Marcin Domagała — clarinet.

YouTube ↗

Informationen

Programmnotiz

Der Titel des Werks bedeutet schlicht: „Vorwärts, mein Freund!“ Doch es ist keine Ermutigung, die aus sicherer Entfernung zugerufen wird. Die ersten Klänge stellen den Ausführenden sofort vor etwas, das der Natur des Instruments zu widersprechen scheint. Schon die anfänglichen abwärts geführten Glissandi gehören zu den Gesten, die ein Klarinettist instinktiv meidet. Hier werden sie zur ersten Charakterprobe. Das Werk schlägt also von den ersten Sekunden an eine Art Pakt vor: Wenn du nach den ersten Hindernissen nicht aufgibst, gehen wir gemeinsam weiter.

Die ganze Komposition erwächst aus der Idee des actus contra naturam — eines bewussten Handelns gegen das, was selbstverständlich, bequem und „natürlich“ erscheint. Wo das klassische Repertoire den schönen Ton, Gleichgewicht und Fluss sucht, wählt Avanti, Amico! bewusst den Weg gegen den Strom. Paradoxerweise werden gerade die vierklängigen Multiphonics, die gewöhnlich als äußerst instabile Erscheinung wahrgenommen werden, hier zu Momenten des Atemholens und musikalischer Ruhe. Die gesamte Dramaturgie des Instruments kehrt sich um.

Eines der verborgenen Bilder des Werks ist die Doppelspirale der DNA. Die Klarinette versucht, sie mit einer einzigen Stimme zu erzählen: zwei fließende, verflochtene Linien, die sich in Wirklichkeit nicht gleichzeitig ausführen lassen. Es entsteht die musikalische Illusion einer doppelten Bewegung, ein weiterer Versuch, die Grenzen des Instruments zu überschreiten.

Über weite Strecken des Werks kann der Ausführende den Eindruck haben, der Komponist führe ihn bewusst durch eine Reihe scheinbar unmöglicher Aufgaben. Die Technik scheint gegen die Natur des Instruments zu kämpfen, während sich innerlich Zweifel meldet. Erst aus der Perspektive der ganzen Form zeigt sich, dass gerade diese Anstrengung das eigentliche Thema der Komposition war. Es geht nicht um effektvolle Virtuosität, sondern um das unablässige Überschreiten der eigenen Grenzen.

Die Quellen dieser Vorstellungskraft reichen deutlich weiter zurück als ins Jahr 2003. Als Jugendlicher lernte ich zwei Jahre lang Klarinette als Nebeninstrument bei Professor Norbert Gabryś. Damals notierte ich meine Ideen nicht auf Papier, sondern nahm auf Tonbandgeräten von Unitra und Kasprzak eigene Experimente mit „Kieksern“, Mehrklängen und möglichst grellen, „pfauenbunten“ Klangfarben der Klarinette auf. Ich ahnte damals nicht, dass sie nach Jahren zum Material einer vollwertigen Komposition werden würden. Avanti, Amico! ist daher auch eine sentimentale Rückkehr zu jenen ersten Erkundungen.

Wesentliche Inspirationen waren auch meine Erfahrungen als Kontrabassist sowie eine Denkweise über das Instrument, wie sie im Schaffen von Iannis Xenakis gegenwärtig ist. Mich faszinierte die Möglichkeit, das zu überschreiten, was das Instrument als seine eigene Natur anerkennt, und die Spieltechnik als Raum schöpferischer Vorstellungskraft zu behandeln.

Obwohl das Werk für Soloklarinette entstand, bereitete ich bereits 2003 — inspiriert von Toshiko Sakakibara vom Ensemble Phoenix Basel — auch eine Fassung für Bassklarinette vor. Mehr als zwanzig Jahre später, während der Arbeit an Rio, mój Rio (2025), kehrte ich zu vielen der gerade in Avanti, Amico! entwickelten multiphonischen Ideen zurück, und 2026 überarbeitete ich auch die Bassklarinettenfassung.

Notiz aus der ersten Tonträgerveröffentlichung (Polskie Radio Katowice, 2004)

Der folgende Text ist eine Übersetzung der Autorenanmerkung, die im Booklet der ersten Tonträgerveröffentlichung des Werks erschienen ist (Polskie Radio Katowice, 2004); das polnische Original bleibt die im Archiv bewahrte historische Quelle.

Avanti, Amico! für Soloklarinette ist eine virtuose Miniatur, deren musikalisches Material zu einem beträchtlichen Teil aus Kombinationstönen besteht. Das Werk entstand im Frühjahr 2003 und liegt auch in einer für die Bassklarinette eingerichteten Fassung vor, angeregt durch Toshiko Sakakibara, die herausragende Klarinettistin des Ensemble Phoenix Basel.