Aleksander Gabryś

Werk

Collage for Forst

Collage for Forst war ein Versuch, Selbst – Welt aus dem Zustand der Rohmasse hervorzubringen.

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Collage for Forst

Auf YouTube veröffentlichte Aufnahme von Collage for Forst.

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Informationen

Programmnotiz

Collage for Forst war ein Versuch, Selbst – Welt aus dem Zustand der Rohmasse hervorzubringen.

Mitte der neunziger Jahre hätte ich diesen Prozess noch nicht so nennen können. Ich wusste nur, dass ich nicht allein die Musik zu verstehen suchte, sondern auch mich selbst. Ich studierte intensiv Carl Gustav Jungs analytische Psychologie und entwickelte zugleich meine eigene Weise, über das Spiel auf dem Kontrabass zu denken. Das Instrument hörte für mich auf, bloß ein ausführendes Werkzeug zu sein. Es wurde zu einer Karte des Menschen.

Ich versuchte, Jungs Typologie der psychischen Funktionen auf das Kontrabassspiel zu übertragen. Die rechte Hand wurde Denken und Intuition, die linke Gefühl und Wahrnehmung. Diese Karte entwarf ich nicht für andere. Ich brauchte sie, um mich selbst zu verstehen.

Dieser Prozess führte mich zur Individuation. Ich verstand sie nicht als philosophischen Begriff, sondern als tägliche Arbeit an mir selbst und als Begegnung mit dem eigenen Schatten.

Zuerst war der Text da.

Die Musik musste erst zu ihm heranwachsen.

Die ersten Worte - „In Leib gekleidet ...“ - beschreiben keine konkrete Person. Sie versuchen, die Erfahrung des Daseins zu benennen. „Gekleidet“ bedeutet hier nicht nur „bekleidet“, sondern eher „hineingestellt“, „verkörpert“, „gerufen“. Der Text sollte von Anfang an über Autobiografie hinausgehen. Ebenso gut hätte ihn ein Mensch, ein Tier, eine Maschine oder ein Gott sprechen können. Mich interessierte nicht die Erfahrung des Einzelnen, sondern die gemeinsame Erfahrung.

Darum sollte auch meine eigene Stimme nicht die erkennbare Stimme des Autors bleiben. Ich suchte nach einer Möglichkeit, sie so zu verwandeln, dass sie nicht von mir erzählte, sondern einen möglichst reinen Inhalt trug. Aus heutiger Perspektive würde ich das die Suche nach Reinem Inhalt nennen, ähnlich wie Witkacy die Reine Form suchte. Es ging nicht darum, den Autor zu verbergen, sondern alles zu entfernen, was vom Prozess der inneren Verwandlung selbst ablenken konnte.

Die elektronische Schicht war kein Spezialeffekt. Unter den Bedingungen der Mitte der neunziger Jahre gab mir das Tonband die größte Gewissheit, dass die im Studio erarbeiteten Feinheiten die Hörer unverändert erreichen würden, unabhängig von den technischen Bedingungen der Konzertsäle. Das Tonband war für mich die Garantie der Integrität des Werkes.

Heute verstehe ich auch den Titel anders. Collage bedeutete für mich nicht, fertige Elemente zusammenzustellen. Es ging um etwas viel Tieferes: um eine Erfahrung, in der Bilder, Klänge, der eigene Körper, die Psyche, Erinnerung und Identität beinahe bis auf die Ebene ihrer inneren Struktur zerlegt werden, damit sie neu gefügt werden können. Der Ausdruck, der diesen Zustand für mich am genauesten trifft, lautet: Rohmasse. Sie war nicht das Ziel. Sie war der Ausgangspunkt. Collage for Forst war ein Versuch, aus diesem Zustand Selbst – Welt hervorzubringen.

Erst nach vielen Jahren sah ich, dass ich mich damals intuitiv dem näherte, was die alchemistische Tradition Nigredo nennt. Im Jahr 1995 kannte ich diesen Begriff noch nicht. Ich kannte nur die Notwendigkeit, durch diesen Prozess hindurchzugehen.

Der Impuls zur Entstehung des Werkes war eine mit dem Festival Forster-Brücke im deutschen Forst verbundene Einladung, der frühere Erfahrungen bei den Buckower Begegnungen sowie Aufführungen von Siedem Uroków Chorego Anioła in Brandenburg vorausgegangen waren. Forst wurde für mich zu mehr als dem Ort der Uraufführung. Ich sah darin ein Symbol der Begegnung und Versöhnung zwischen Polen und Deutschland. Collage for Forst war ein Versuch, diesem Ort alles zu schenken, wovon ich damals lebte: den eigenen Text, den Kontrabass, die Elektronik, die psychologische Suche und den Glauben, dass Kunst zu einem Raum gemeinsamer Erfahrung werden kann.

Nach über dreißig Jahren würde ich dieses Werk nicht mehr ändern. Ich würde nur den Menschen ändern, der es heute schriebe.

Deshalb lasse ich es so, wie es ist.

Gedicht

Im Folgenden steht die deutsche Authorial Literary Edition des Gedichts Collage for Forst. Ihre Grundlage ist der polnische Kanonische Autorentext, festgestellt auf Basis des Autortyposkripts von 1995 und der auf Tonband festgehaltenen autorischen Aufführung.

In Leib gekleidet, knochenlos und früh, binde ich Bänder der Stunden
Die Leinwand flüchtiger Einzelbilder umflicht die Füße
Ein kleiner Falter schwimmt mit göttlichem Atem
Aus den Flügeln schauen zwölf Pupillen
Siehe, du gehst mit einem zum Scherz gemalten Gesicht auf dem Hinterkopf eines geschorenen Hauptes
Wachse siebentausend Tage und Nächte
Aus dem Lehm dieser Gedanken werde ich eine Klangmasse schöpfen
In traumgebundener Übersprache
Es drängt sich in den Mund: „Befreiung“
Meine Atome ordne ich zum „Nicht-Ich“
Am Ende der Geburt, um Wonne her
Ich schlinge Kreise, Bänder, Stunden-Glieder
Hier werde ich Puls in die Aorten einer neuen Welt hauchen
Gedächtnis des Gedächtnisses - Garten meiner Spiele
In göttlichem Schoß, blind, befreie ich lange Finger aus dem Lichtsekundenknäuel

Und ich ziehe mit der Hand den Kreis von Erde-Himmel
Die Zeit der Agonie der Welt meines Zwillings bog sich
Atemlos, auf dem Pass des göttlichen Zyklus
Vom Schwung durch den Raum getrieben - lausche ich auf den Puls
Erstarrt in der Wende, auf der Spiralrutsche
Mit einem Auge sehe ich das Ende, mit dem anderen den Anfang

Redaktionelle Notiz

Der polnische Originaltext bildet den Kanonischen Autorentext, festgestellt auf Basis des Autortyposkripts von 1995 und der auf Tonband festgehaltenen autorischen Aufführung. Er bleibt der Quelltext für diese und alle künftigen Authorial Literary Editions, die im Rahmen des Living Archive veröffentlicht werden.