Aleksander Gabryś

Werk

Katábasis

KATÁBASIS ist ein Abstieg unter die Oberfläche des Klangs, des Körpers und verfestigter Rollen. Die erste öffentliche Präsentation in Wrocław leitete die weitere Kristallisation des Werkes für Gods’ Games Garden Group ein.

Vier Mitwirkende von KATÁBASIS inmitten von Kontrabass, Flöte, Elektronik und einem umfangreichen Instrumentarium.

Informationen

Programmnotiz

KATÁBASIS erwächst aus dem Bedürfnis, unter die Oberfläche des Klangs und des Körpers zu blicken, aber auch unter das festgehaltene Bild der eigenen Person. Es ist eine Überfahrt ans andere Ufer: Die Ausführenden, die dort ankommen, sind nicht mehr dieselben wie beim Aufbruch. Der Abstieg unter den eigenen Grund — und unter die eigene DNA — legt frei, was unter Gewohnheiten, Rollen und erlernten Handlungsweisen noch lebt.

Eine der Quellen des Werkes ist die alte europäische Erzählung vom Eisenhans, aufgezeichnet von den Brüdern Grimm. In meiner Lesart beginnt mit der Begegnung des Jungen mit dem Wilden Mann ein Weg des Reifens, der verlangt, einen sicheren Ort zu verlassen, die bisherige Stellung zu verlieren und durch die „Zone der Asche“ zu gehen. Wir illustrieren jedoch nicht das Märchen. Wir übertragen seine Kräfte und Symbole in den Bereich des Klangs, des Körpers, des Zuhörens und der Beziehungen zwischen den Ausführenden.

Dem Abstieg antwortet ein Hervortreten: Gesang von unterhalb des Grundes, ein schlagendes Herz, Klopfen und ein erneutes Geborenwerden. Was sie verbindet, ist Agape — die Hinwendung zu den Menschen. KATÁBASIS ist eine Begegnung, getragen von Aufmerksamkeit, ohne Vereinnahmung: Wildheit, Groteske und Lachen bestehen neben Sammlung und Unruhe.

Paweł Romańczuk offenbart sich hier als Dionysos–Heiliger Paulus–Merkurius: Er treibt die dionysische Verwandlung voran, ist Schirmherr der Verrückten Instrumente und geleitet uns als Wegführer Merkurius von einer Schwelle zur nächsten. Seine Sammlung — mit mehr als tausend Instrumenten und Klangobjekten — eröffnet eine nahezu grenzenlose Welt der Klänge, in der er unablässig die Rollen und seine eigene Bühnenidentität wechseln kann.

Phoebe Bognár gestaltet diese Überfahrt durch die magnetische Kraft ihres Klangs und ihre lebendige Vorstellungskraft mit — ihre Ideen eröffnen neue Wege, während ihre künstlerische Offenheit und menschliche Wärme uns den Mut geben, sie gemeinsam zu beschreiten.

Kostas Georgakopulos — unser Katápunk-Frontmann — führt uns mit seiner Stimme und der Geste der „Selbstzensur“, dem Facepalm, durch die Zone der Asche.

Eine Person in einem zotteligen Kostüm spielt Kontrabass; im Hintergrund sind gelbe Objekte und Bühnenausstattung zu sehen.

Die Stimme verwandelt sich in ein Instrument, eine Geste wird von einem anderen Menschen übernommen, und der Klang kehrt als Erinnerung an elektronische Verwandlungen zurück. Im Zentrum bleibt der Kontrabass: Er zieht uns durch Schicht um Schicht des Abstiegs, während diese Schichten zugleich auf ihn selbst einwirken. Die Musiker wechseln Plätze, Rollen und Masken; allmählich wird immer weniger selbstverständlich, wessen Stimme es ist, wer wen nachahmt und wo die Grenze zwischen Mensch, Instrument und Maschine verläuft.

KATÁBASIS gehört zum Garten der göttlichen Spiele — Gods’ Games Garden —, einer offenen Welt, in der ich seit jeher für jedes neue Werk einen Platz finde. Der Garten verkörpert SynARThesis: meine Konzeption einer Synthese der Künste, der Empfindungsweisen und der Wahrnehmungsfelder. Man kann ihn mitgestalten, man kann aber auch einfach eintreten, da sein und zuhören.

Das polnische Wort „igry“ — „igier“ im Namen des Gartens — führt zum Entdecken durch Spiel und spielerisches Tun. Roger Caillois unterschied vier Grundkräfte des Spiels: Wettstreit, Zufall, Nachahmung und Rausch — agon, alea, mimicry und ilinx. Auf die letzte bezog ich mich bereits in meinem Werk ILINX aus dem Jahr 2017. In KATÁBASIS steige ich tiefer in diesen Gedanken hinab — geradezu geo-logisch: Ich verbinde Caillois’ Betrachtung der Spiele mit seiner Lektüre der Steine und Mineralien.

In dieser von mir entwickelten Geo-Logik offenbaren die Mineralien ihr eigenes Spiel — die Spiele der Natur. Agon spielt sich dort ab, wo wachsende Kristalle aufeinandertreffen, einander begrenzen und um Raum kämpfen. Alea wirkt in zufälligen Beimengungen, Adern, Farben und Bruchverläufen. Mimicry lässt einen Stein — ohne Absicht und ohne Urheber — einer Landschaft, einer Karte, einer Pflanze, einem Tier oder einem Gesicht ähnlich werden. Ilinx zeigt sich in Druck, Erosion, Zerfall und Metamorphose, die der Materie ihr bisheriges Gleichgewicht nehmen und sie in eine neue Ordnung überführen. Unsere menschlichen Spiele erweisen sich als Antwort auf Spiele, die weit älter sind als wir und in die Materie selbst eingeschrieben sind.

Die erste öffentliche Präsentation von KATÁBASIS fand am 6. September 2026 in der Galeria Toy Piano in Wrocław im Rahmen des Avant Art Festival statt. Gemeinsam mit Phoebe Bognár, Paweł Romańczuk und Kostas Georgakopulos spielte ich das Werk inmitten von Pawełs außergewöhnlichem Instrumentarium.

Es sollte vor allem eine Probe und eine Begegnung sein. Unversehens wurde daraus ein Konzert vor vollem Haus. Wrocław hat mir gezeigt, dass die Idee selbst Menschen bereits in ihrer ersten, offenen und spontanen Gestalt in ihren Bann ziehen und verwandeln kann. Die Idee von KATÁBASIS weckte in uns Musikern das Bedürfnis, das „Unmögliche“, das „Verbotene“ und das in anderen Konzertsituationen Unzugängliche zu erkunden.

Weitwinkelaufnahme der Mitwirkenden von KATÁBASIS aus niedriger Perspektive, mit dem Kontrabass im Vordergrund und der Flöte rechts.
Gesamtansicht von KATÁBASIS: Mitwirkende, Kontrabass und zahlreiche Instrumente auf der Bühne; rechts ist Publikum zu sehen.

Die Präsentation in Wrocław schloss die Form nicht ab, sondern leitete ihre weitere Kristallisation ein. Aus dieser Erfahrung geht allmählich eines meiner kommenden Werke hervor: KATÁBASIS für GGGG — Gods’ Games Garden Group, das Orchester der Verrückten Instrumente —, mit einer Flötenpartie, die ich für Phoebe Bognár schreibe, und dem Kontrabass in der Hauptrolle.

Kein früherer Auftritt hat mich dem Gefühl so nahegebracht, dass wir die Kontrolle über die Schwerkraft unseres Planeten übernehmen können. Vielleicht liegt gerade darin das Paradox von KATÁBASIS: Indem wir gemeinsam immer tiefer hinabsteigen, entdecken wir die Möglichkeit, uns von der Erde zu lösen.