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Bazyli Matysiak (1929–1992)

Aleksander Gabryś’ persönliche Erinnerung an Bazyli Matysiak, seinen ersten Kontrabassprofessor: einen Lehrer, der Menschen wahrnehmen und ihnen die Welt des Klangs öffnen konnte.

Bazyli Matysiak (1929–1992)

Ich erinnere mich nicht an die erste Stunde.

Ich erinnere mich an den Weg.

Um in den Kontrabassraum Nr. 418 im vierten, obersten Stock des "Karłowicz", der nach Mieczysław Karłowicz benannten Musikschule, zu kommen, musste man zuerst durch einen dunklen Flur gehen. Unterwegs kam man am Geigenzimmer vorbei. Von morgens bis abends wurde dort unablässig geübt - Dutzende Bögen schnitten die Luft. Das hatte einen unerwarteten Vorzug. Wenn ich kurz darauf die Tür zum Kontrabassraum öffnete, klang jeder Ton des Instruments wie eine Befreiung. Es spielte keine Rolle, was man spielte. Schon der Klang selbst ließ aufatmen.

Dann kamen noch die Doppeltüren - eine Art Schleuse, wie man sie heute wohl nur noch selten antrifft. Für den Bruchteil einer Sekunde wurde es darin beinahe theatralisch dunkel. Und gleich danach waren da das Licht, der Geruch von altem Holz, Noten, Kolophonium und trockenem Bogenhaar.

Und eine Stimme.

— Prego, Maestro! Avanti! Aleksander Gabryś! Polska!

So begrüßte mich Bazyli Matysiak.

Ich war dreizehn Jahre alt.

Heute denke ich, dass ich genau damals zum ersten Mal spürte, was es bedeutet, von einem Lehrer wirklich gesehen zu werden. Nicht, weil ich gut gespielt hätte. Nicht, weil ich begabt gewesen wäre. Einfach, weil sich jemand darüber freute, dass ich da war.

So begann eine der wichtigsten Beziehungen meines Lebens.

Professor Matysiak war Musiker des Großen Sinfonieorchesters des Polnischen Rundfunks und Fernsehens. Für mich war er vor allem ein Mensch.

Er hatte etwas von Yogi Bär: Wärme und Gutmütigkeit. Zugleich besaß er die Gewandtheit eines Fuchses, die Geschicklichkeit eines Zirkusjongleurs und die Intuition eines weisen Clowns. Mit einem einzigen Witz konnte er den Blick eines Menschen auf eine Situation verändern, die eben noch schmerzhaft oder ungerecht erschienen war. Er stellte nie bloß. Er baute seine Autorität nicht auf Angst. Er verlangte viel. Aber er gab noch mehr.

Er hatte den Krieg überlebt. Er war in Armut aufgewachsen, von der er manchmal ruhig erzählte, ohne jeden Schatten von Bitterkeit. Heute denke ich, dass er gerade dort etwas Außergewöhnliches gelernt hatte - dass intelligenter Humor eines der größten Geschenke ist, die ein Mensch einem anderen machen kann.

Er sprach sanft. Mit einem Lächeln. Er wechselte gern unvermittelt ins Italienische.

Prego… Maestro… Amico…

Es klang so selbstverständlich, als wäre Musik tatsächlich eine gemeinsame Sprache.

Einmal traf ich ihn zufällig auf dem Marktplatz in Katowice. Er stand dort mit einer Zigarette. Als er mich sah, nahm er sie in den Mund, schloss die Lippen und ließ nach einem Augenblick den Rauch … aus den Ohren steigen. Dabei lachte er wie ein Junge. Erst später erzählte er mir, dass er diesen Trick Jahre zuvor gelernt hatte, als er im Zirkus arbeitete.

Bis heute sehe ich, wenn ich daran denke, nicht die Zigarette, sondern seine kindliche Freude daran, Menschen zum Lachen zu bringen.

Das größte Geschenk, das ich von ihm erhielt, bestand nicht darin, dass er mir das Kontrabassspiel beibrachte.

Er gab seine Wärme uns beiden - mir und dem Kontrabass.

Von den ersten Stunden an hatte ich nie das Gefühl, einen Gegenstand in den Händen zu halten. Alles war lebendig. Klang. Bewegung. Holz. Der Geruch des durch Reibung erwärmten Bogenhaars, des Kolophoniums und der Metallsaiten. Vielleicht war darin auch etwas von jenem schlesischen Arbeitsethos, das der Professor sein ganzes Leben in sich trug.

Noch am selben Tag, nach der ersten Stunde, durfte ich abends an den Schulkontrabass. Ich begann sofort, eigene Klänge zu erfinden.

Glissandi.

Raue Klänge hinter dem Steg.

Klänge an den Wirbeln.

Auf dem Griffbrett.

Am Stachel.

Das langsame Gleiten eines Fingers auf der G-Saite, wobei verborgene Flageoletts aufblitzten - wie Sterne, die einer nach dem anderen am Himmel erscheinen.

Damals verstand ich, dass der Kontrabass überall klingt.

Dass er ein wenig wie elektronische Musik ist.

Nur ohne Computer.

Ich kehrte nach Hause zurück, vollkommen überzeugt, dass man aus zwei Schulkontrabässen einen einzigen, noch besseren bauen könne. Zum Glück bremsten meine Eltern meinen ersten Konstruktionseifer rechtzeitig.

Aber es war schon zu spät.

Plötzlich schien die Welt größer.

Am schönsten waren die Ferien.

Für die meisten Kinder bedeutet eine geschlossene Schule Freiheit.

Für mich aber hätte sie, seit ich Kontrabass spielte, Verlust bedeutet.

Ich bat um die Erlaubnis, zu jener Handvoll Schüler zu gehören, die im Sommer in das leere Gebäude kommen und üben durften.

Bis heute erinnere ich mich an diesen Raum.

Von der Sonne erwärmt.

In den schrägen Lichtstrahlen, die von rechts hereinfielen, schwebten Staubkörner und weißer Kolophoniumstaub.

Es roch nach Holz.

Nach Noten.

Nach Kolophonium.

Es war eine Stille, die nicht leer war.

Sie war voll von Musik, die erst noch geschehen sollte.

Und gerade dann klingelte oft das Telefon.

Der Professor war aus Japan oder Italien zurückgekehrt.

— Aleksander … wollen wir uns treffen?

Ich kann nicht beschreiben, welche Freude ich nach solchen Anrufen empfand.

Ich lief zur Schule, den Kopf voller neuer Entdeckungen und Experimente. Er hörte mir immer mit wirklicher Neugier zu.

Und von seinen Reisen brachte er Kleinigkeiten mit.

Kolophonium.

Ein kleines Bild.

Ein kleines Andenken.

Das grüne Kolophonium der Firma Petz, das ich damals von ihm bekam, habe ich bis heute.

Manchmal öffne ich die Schachtel nur, um diesen Geruch noch einmal wahrzunehmen.

Nach einigen Monaten Unterricht geschah etwas, das mir aus heutiger Sicht außergewöhnlich erscheint.

Der Professor schrieb eine kurze Etüde für mich.

Er hielt sich nicht für einen Komponisten.

Er gab mir einfach ein paar mit Bleistift beschriebene Notenzeilen und sagte, es sei eine Skizze, die ich auf meine Weise weiterentwickeln könne.

Er konnte nicht ahnen, dass er mir mit dieser einfachen Geste den Weg öffnete, den ich mein ganzes Leben gehen würde.

Es war das erste Stück, das eigens für mich geschrieben wurde.

Und zum ersten Mal sagte mir jemand, dass ich selbst die Fortsetzung schreiben dürfe.

Einmal hat er mich sehr verletzt.

Oder vielmehr - so kam es mir damals vor.

Während der Stunde unterbrach er mein Spiel und sagte mit einem leichten, beinahe entschuldigenden Lächeln, ich solle ihm nichts vormachen.

Ich versteckte mich auf der Schultoilette und weinte wohl eine halbe Stunde lang.

Ich war überzeugt, einen Menschen enttäuscht zu haben, den ich so sehr achtete.

Als ich endlich herauskam und ins Erdgeschoss hinunterging, wartete er auf mich.

Er trat auf mich zu.

Er entschuldigte sich.

Heute weiß ich, wie viel Demut, Empathie und innere Kraft es einen erwachsenen Menschen kostet, sich bei einem dreizehnjährigen Schüler zu entschuldigen.

Ich denke, dass er mir an jenem Tag etwas weitaus Wichtigeres beigebracht hat als das Kontrabassspiel.

Als ich dem Professor viele Jahre später meine ersten preisgekrönten Kompositionen zeigte - Miniatury na kontrabas i dźwięki komputerowe und Voak gefeustich -, freute er sich, glaube ich, ebenso sehr wie ich.

Heute denke ich immer öfter, dass Bazyli Matysiaks größte Begabung nicht darin lag, das Spielen zu lehren.

Sie lag darin, Menschen wahrzunehmen.

Und in ihnen den Wunsch zu wecken, mutiger zu sein.

Fleißiger.

Mehr sie selbst.

Seit damals habe ich viele große Künstler und Pädagogen getroffen. Jeder hat eine Spur in mir hinterlassen, und jedem bin ich dafür dankbar.

Aber jedes Mal, wenn ich die grüne Schachtel mit Petz-Kolophonium öffne, kehre ich in den vierten Stock des "Karłowicz" zurück.

Ich gehe durch den dunklen Flur.

Ich gehe an den Geigen vorbei.

Ich öffne die Doppeltüren.

Für einen Moment ist alles dunkel.

Und dann höre ich wieder:

— Prego, Maestro! Avanti! Aleksander Gabryś! Polska!

Manche Menschen kann man nicht in die Vergangenheit einschließen.

Für mich ist Bazyli Matysiak einer von ihnen.

Denn wenn ich in einem Satz sagen müsste, wer mein erster Kontrabassprofessor für mich war, würde ich einfach sagen:

Ich möchte so sein wie Er.

Aleksander Gabryś

Basel, Juli 2026